Fay Nolan

 N A C H T S T U E C K E 

“Don't you find it a beautiful clean thought, a world empty of people, just uninterrupted grass, and a hare sitting up?”1

Die Menschen lieben sich und ihre Fehler. Wenn ich bei Nacht durch London spaziere, muss ich an die gebrechlichen Formen dieser Spezies denken. Nicht unvorstellbar, dass in einer anderen Welt schon ein winziger Regenschauer ausreicht, um sie auf sanfte Weise verschwinden zu lassen. Doch wer wäre dann da, um sich an brutalen Silhouetten zu erregen? Oder sich von ihnen beunruhigen zu lassen.

„Der Architekt, ein Welschschweizer mit Namen Jeanneret, stand machtlos und stumm im leeren Administrationsgebäude. Nachdem er eine ganze Nacht alleine durch seine dunkle und menschenleere Schweiz gelaufen war, warf er frühmorgens das Ende eines Seiles über eine von ihm selbst entworfene, stählerne Strassenlaterne und erhängte sich.“2

George Orwell stand vor dem ehemaligen MoI und dachte an 1984, Terry Gilliam stand davor und kam auf Brazil. Der eine wie der andere hatte die Vision einer Welt, in welcher den Menschen das Menschliche verloren gegangen ist. Als Symbol für die Unmenschlichkeit stand triumphierend das MoI. Es steht übrigens noch immer.

„The river bears no empty bottles, sandwich papers, /
Silk handkerchiefs, cardboard boxes, cigarette ends /
Or other testimony of summer nights. The nymphs are departed.“3

In einer schmalen Gasse nah der Themse stellt ein Schatten eine Kanne Milch vor eine Haustür. Die Verbautheit dieser Gegend wirkt sympathisch auf mich. Wie sähe London aus, wenn die Technokraten und Brutalisten gewonnen hätten?

„Bestimmt wäre die Welt ohne die Menschen ein wunderbar friedlicher Ort. Stell Dir vor wie friedlich die Welt wäre, wenn es nicht einmal mehr Pflanzen gäbe, die miteinander um Platz konkurrieren. Ein unbelebter kahler Felsbrocken... welch ein Frieden…“4



1 D.H. Lawrence
2 Christian Kracht
3 T.S. Eliot
4 Nutzer Frank Müller auf yahoo.de

Essay: Max Link
Ausstellungsansicht: Epilog 2014, Schindler Hallen, Berlin,
Juni 2014
Heft: Unterschiedliche Formate 14,8x21cm, 21x29,7cm und 29,7x42cm, 44 Seiten, Digitaldruck, mit einem Essay von Max Link, Auflage: 3, 2014

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